Zurück zur Heimat

Kampf gegen den schlechten Ruf

Was Architekten planen, müssen Sozialarbeiter ausbaden. In den Wohnblocks des Rollbergviertels hatten sich Kriminelle und Banden eingenistet. Der Eigentümer ‚Stadt und Land‘ hat kreativ reagiert. Von Nico Schmolke

Cornelia Würz hat einen zwei Meter großen Hasen einziehen lassen. In eine Wohnung auf dem Rollberg, um Integration zu üben. Diskret lief ein Security-Team mit, wenn der Hase Brötchen kaufen oder auf der Lessinghöhe spazieren ging. „Wir wussten nicht, ob die Rollberger den Hasen respektieren“, sagt Würz. „Der sah ganz schön zerlumpt aus, ich würde da ja die Straßenseite wechseln.“

Der Testhase von 'Stadt und Land' in freier Wildbahn

Im Hasenkostüm steckte natürlich ein Mensch. Und hinter der skurrilen Hasen-Idee steckte wiederum Stadt und Land, der Arbeitgeber von Cornelia Würz. Der landeseigenen Wohnungsgesellschaft gehören nicht nur die meisten Wohnungen im Neuköllner Rollbergviertel. ‚Stadt und Land‘ hat den Kiez in seiner heutigen Form sogar erst geschaffen – mit all seinen Vorzügen und Problemen. ‚Stadt und Land‘ ist mehr als ein normaler Vermieter.

Neuköllner Luft, die süchtig macht

Die Zentrale des Unternehmens liegt an der Werbellinstraße, am Rande des Rollbergkiezes. Das frisch sanierte Gebäude wirkt zwischen den gealterten Fassaden der Nachbarhäuser wie ein Fremdkörper. Im weitläufigen Foyer ein Wachmann, die Räume weiß und lichtdurchflutet, die Größe der Blumenvasen genormt. Auf dem Fensterbrett von Cornelia Würz sitzen drei kleine Bären. Kein Hase. Würz schiebt die Stofftiere beiseite, öffnet das Fenster, blickt aus dem sechsten Stock. Es ist einer der seltenen sonnigen Tage des Berliner Winters.

„Ah, Neuköllner Luft, sehr schön, müsste man in Flaschen abfüllen“, sagt Würz. „Wenn man 35 Jahre hier arbeitet, dann ist man Neukölln-verseucht.“ Nach etlichen Jahren als Leiterin des Neuköllner Service-Büros von ‚Stadt und Land‘ ist Cornelia Würz nun Quartiersmanagerin der Wohnungsgesellschaft. Sie baut ein neues Team auf, das die soziale Entwicklung rund um die eigenen 45.000 Berliner Wohnungen gestalten soll.

Verwinkelte Gänge und Jugendbanden

Im Rollbergviertel ist diese Arbeit notwendig: hohe Arbeitslosigkeit, hohe Kinderarmut, hohe Kriminalitätsrate. ‚Stadt und Land‘ ist daran nicht ganz unbeteiligt. 1963 wurde sie zum Sanierungsträger des Ortsteils ausgerufen. Den Weltkrieg hatte die Arbeitersiedlung relativ unbeschadet überstanden, verkam dann jedoch zunehmend. Also wurden Tausende Wohnungen ins Eigentum von ‚Stadt und Land‘ übertragen, die fast den gesamten Stadtteil abriss und bis Anfang der 1980er Jahre neu aufbaute.

Es entstanden fünf Wohnringe von 60 mal 60 Metern. „Die haben die bestehende Straßenstruktur zerstört“, sagt Würz. „Die Architekten würden so etwas vielleicht wieder bauen wollen - ich würde das nicht nochmal machen.“ Denn auf den verwinkelten Gängen und Ebenen rund um die Ringbauten fühlten sich nicht nur fahrradfahrende Kinder wohl, sondern auch Jugendbanden und Kleinkriminelle. In die großen Wohnungen zogen vor allem Familien von Gastarbeitern ein, die längst nicht mehr Gäste waren. „Nur weil jemand das Land wechselt, ist er noch lange nicht europäisiert. Hier fanden auch Schächtungen statt – alle Seiten mussten sich erstmal aneinander gewöhnen.“ Am Rande West-Berlins, in der Einflugschneise zum Flughafen Tempelhof, wurde der Sozialwohnungsbau zu einem Beispiel, wie man es besser nicht machen sollte.

„Ich habe moderne Frauen erlebt, die auf einmal verschwunden waren und als komplett verschleierte Frauen wieder aufgetaucht sind. Die sitzen dann vor mir und suchen eine Wohnung für sich und ihre neuen Männer“, sagt Würz. „Ich weiß nicht, wie man die Frauen aus sowas rausholen kann.“ Freitags bietet Würz ein Frauenfrühstück an. „Das geht nur am Freitag, weil die Männer in der Moschee sind. Das ist das Zeitfenster, das die Frauen hier haben.“

Doch längst hat sich der Wind gedreht

Es gebe kaum ein Gebiet, das so gut vernetzt sei wie der Rollberg, sagt Würz. „Die Mieter wissen das zu schätzen.“ ‚Stadt und Land‘ vermietet etliche Räume und Wohnungen an soziale Projekte. Sie verzichtet auf Mieteinnahmen, um die Lebensqualität ihrer Mieter zu verbessern. Schülernachhilfe, Boxtrainings, Rentnertreffs – im Rollbergkiez gibt es gefühlt mehr Sozialarbeiter als Bewohner.

Auf den Straßen trifft man viele Rollberger, die sich in ihrem Kiez wohlfühlen. Die Privatwege liegen ruhig zwischen den Wohnblocks, nebenan der stillgelegte Flughafen Tempelhof, innerhalb der Ringe grünt es. Günstige Wohnungen, die U-Bahn direkt nebenan, der Vermieter ein landeseigenes Unternehmen – eigentlich ein Traum auf dem angespannten Berliner Mietmarkt.

In der Öffentlichkeit ist dieser Wandel nicht ganz angekommen. „Wir leiden immer noch darunter, dass im Internet von einer No-Go-Area zu lesen ist.“ Der Neuköllner Fast-Kannibale oder der Mord an einem Polizisten haben das Bild des Rollbergkiezes nachhaltig geprägt. „Solche Vorfälle sind auch Ursprung der Videokameras, die wir auf Wunsch der Mieter installiert haben“, sagt Würz.

Friedlich, aber mit Kameras überwacht

Allein auf Sozialarbeiter will man sich also nicht verlassen. Um die Kriminalität zu reduzieren, gibt es seit 2004 Kameras rund um die Wohnringe. Die Videoüberwachung ist möglich, weil das Gelände Privatbesitz von ‚Stadt und Land‘ ist. Die Rollberger werden seitdem dauerhaft gefilmt – auf dem Weg zum Supermarkt, beim Bolzen oder auch beim Plausch mit dem Nachbar. Es heißt, die Anwohner würden sich bei Versammlungen für die Überwachung aussprechen. Doch nur die wenigstens engagieren sich im Mieterbeirat und äußern ihre Meinung.

Denn so friedlich es mittlerweile im Kiez geworden ist, so wenig hat das den Kiez im Sozialmonitoring der Stadt nach oben gebracht. „Konflikte gibt es immer, besonders bei den verschiedenen ethnischen Gruppen. Wenn der Deutsche nach der Tagesschau seine Ruhe haben möchte, fängt das Leben bei manchen erst an“, sagt Würz. „Es gibt den arabischen Platz, es gibt den türkischen Platz. Zum Mittagessen für Alte kommen nur Deutsche.“

Und so hatte auch das Hasen-Experiment einen fürs Rollbergviertel typischen Ausgang: „Die Hunde sind immer ausgerastet, wenn der Hase vorbei kam“, sagt Würz. „Aber die Menschen haben ihn überhaupt nicht beachtet.“ Im Rollbergviertel haben viele ihre Heimat gefunden, auch dank eines engagierten Vermieters. Aber am liebsten bleibt jeder für sich.

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