Zurück zur Heimat

Ein Boxgym fürs Leben

Eine Fläche mit 36 Quadratmeter. Mehr braucht Seyfeddin 'Seyfo' Moussa nicht, um etwas in seinem Viertel zu bewegen. Er selbst hat einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend in diesem präzise abgesteckten Raum verbracht. Ein Boxring, daran glaubt Moussa, kann eine Biografie verändern. Und zwar zum Guten. Von Antonia Märzhäuser

Seyfeddin, den alle nur unter „Seyfo“ kennen, ist im Rollbergkiez groß geworden. „Ich war ein Radauling früher“, sagt er. „Unbekannt war ich nicht gerade.“ Spinne 44 hieß seine Gang, die es über Neuköllns Grenzen hinaus zu Bekanntheit gebracht hat. „Es gab im Rollbergkiez nur die Waschküche, das war ein ganz kleines Jugendzentrum, da konntest du nur Rollerskates fahren oder Billard spielen.“ Viel Zeit zum Verschwenden, wenige Orte und noch weniger Perspektiven: ein Gemisch, das die Jugend im Rollbergquartier lange geprägt hat. Rumhängen und ab und zu Mist bauen – so beschreibt auch Seyfo seine Jugendtage auf „dem Platz“, dem langgezogenen Fußgängerbereich im Rollbergviertel, umringt von der ergrauten Aufbruchsarchitektur der 1970er Jahre.

Der Boxring war für den heute 29-Jährigen damals die einzige Abwechslung. „Ich habe mit sechs Jahren angefangen zu boxen, dann ist alles ein bisschen hinterhergeschliffen, Schule und so. Mit zehn bin ich aktiv in den Leistungssport und hatte auch einige Erfolge“, sagt Seyfo.

Aufwachsen, das hieß für viele von Seyfos Freunden nicht nur älter werden, sondern auch krimineller. Aus Sozialstunden wurden Gefängnisstrafen und aus den wenigen Perspektiven verbaute Biografien.

„Ich weiß nicht, was mit mir ohne das Boxen passiert wäre“, so Seyfo. Vor zwei Jahren hat er zusammen mit der Arbeiterwohlfahrt in Neukölln ein Box-Konzept für Kinder und Jugendliche aus dem Kiez entwickelt. Vier Abende in der Woche steht er nun wieder in einer Halle an der Falkstraße. Nicht um selbst Haken zu üben, sondern als Trainer. Die Jungen und einige Mädchen sollen lernen, was Seyfo erst spät begriffen hat: „Zum Boxen geht man in die Halle und nicht auf die Straße“. Boxen als Präventionsarbeit gegen Gewalt, das funktioniere aber nur mit klaren Regeln und viel Disziplin:

Den Fehler seines Boxtrainers von früher will er nicht wiederholen: „Wie du deine Fäuste außerhalb des Rings einsetzt, das war ihm damals egal. Da wurden beide Augen zugedrückt.“

Für Seyfo gilt: Wer bei ihm draußen Stress macht, der fliegt aus dem Programm. Doch eine zweite Chance erhalte bei ihm jeder. Ein Hoffnungsangebot, das in seiner eigenen Jugend nur wenige bekommen haben.

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