Zurück zur Heimat

Das Tor zur Welt

Weil sie nicht mehr an fremde Orte fliegen kann, reist Margot Kessler virtuell nach Aserbaidschan, Ghana oder Finnland. Allerdings verschickt die 73-Jährige keine Freundschaftsanfragen: Neue Facebook-Freunde findet sie über einen cleveren Trick. Von Tobias Schmutzler

Die Eieruhr klingelt schrill, wenn Margot Kessler zu lange vor Facebook sitzt. „Manchmal setze ich mir ganz ernsthaft Grenzen und sage: Um 23 Uhr willst du unbedingt das im Fernsehen sehen.“ Dann stellt die 73-Jährige ihre Eieruhr und legt sie neben den Laptop: „Fünf Minuten vor der Fernsehsendung macht sie Lärm.“ Ansonsten könnte Margot Kessler den ganzen Tag auf Facebook-Seiten und -Profilen verbringen.

Seit über 40 Jahren lebt sie, mit kurzen Unterbrechungen, in der Rollbergsiedlung – heute in einer Seniorenwohnanlage. Sie liebt den Kiez für das multikulturelle Zusammenleben. Das Internationale sucht sie auch auf Facebook. Von ihren 420 virtuellen Freunden kommen zwei Drittel aus dem Ausland: Nigeria, Ghana, Jemen, Finnland, Pakistan.

Berliner Freunde könne sie persönlich kennenlernen, sagt Margot Kessler. Weit reisen sei dagegen schwieriger, weil der Seniorin das Laufen nicht mehr so leichtfällt. Da kommt ihr Facebook gelegen. „Ich mache meinen Computer an und bin in Aserbaidschan.“

Früher hatte sie über tausend Facebook-Freunde

Früher hatte Margot Kessler über tausend Leute auf der Freundesliste. Die Zeiten sind vorbei, trotzdem hält sie stets Ausschau nach neuen Bekanntschaften. Hat jemand ihr Interesse geweckt, dann wendet die Ur-Rollbergerin eine Taktik an, um das Band der Freundschaft zu schließen.

Viele andere Frauen und Männer in ihrem Alter haben mit dem Internet wenig am Hut. Doch Margot Kessler ist von den Möglichkeiten begeistert. Manchmal spucken ihr Google und Wikipedia sogar zu viele Erklärungen aus, wenn sie nach einem Thema sucht. „Dit is toll!“

Die Reise durchs Netz ist für sie keine Heimatflucht. Sie betrachtet soziale Medien vielmehr als Tor zur Welt. In ihrer realen Heimat, der Rollbergsiedlung, fühlt sich die Seniorin wohl genug. Da können die zusätzlichen Eindrücke das Leben nur schöner machen.

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