Zurück zur Heimat

Wenn die Herrscher des Kiezes verschwinden

Laut Polizei sind die Clanmitglieder inzwischen weggezogen. Straßengangs und leerstehende Wohnungen gibt es nicht mehr. Sind die schlimmen Zeiten vorbei im Kiez? Peter Herzfeldt kennt beide Gesichter des Rollbergs. Von Anton Stanislawski

Ohne Hektik läuft er zwischen den Ringbauten des Rollbergkiezes hindurch. Peter Herzfeldt wirkt entspannt. Mit gut zwei Metern Körpergröße, dem weißen Schnauzer und seiner Polizeiuniform fällt er auf im Viertel. Früher hätte das ein Problem werden können, vielleicht sogar gefährlich, so alleine als Polizist. Heute genießt er es sichtbar, wenn Anwohner ihn grüßen. „Wenn man jemand ist, der ein Standing hat in der Gemeinschaft, kann man die Menschen mitnehmen und beeinflussen“, sagt er. Seit über 30 Jahren ist Peter Herzfeldt beim Abschnitt 55 der Berliner Polizei in der Rollbergstraße, inzwischen als Präventionsbeauftragter. Er sieht sich als Orientierungshilfe, sagt jungen Menschen im Kiez, wie man sich zu verhalten, welche Regeln man zu befolgen hat. Damit das klappt mit dem Miteinander im Kiez, in der Stadt und in diesem Land. Wenn er über den Kiez spricht, dann fällt am häufigsten das Wort „Vielfalt“. Am zweithäufigsten: „Institutionen“. Denn die hätten dem Kiez wieder auf die Beine geholfen.

Dicke BMWs vor Sozialbauten

Es war schon mal schlimmer im Rollberg. Nach dem Mauerfall zogen in den 1990er Jahren viele Alteingesessene weg. Wohnungsleerstand war die Folge, Verwahrlosung und Gewalt. „Wer hier aufwuchs, hatte kaum eine andere Chance, als kriminell zu werden“, sagt Gabriele Heinemann. Sie leitet den MaDonna Mädchentreff, eine dieser Kiezinstitutionen. „Ich kannte nicht einen Jugendlichen, der nicht von den sogenannten ‚Herrschern des Kiezes‘ zu Kriminalität verführt wurde. Raubüberfälle, Körperverletzung, alles, was dazu gehört.“

Heinemann nennt sie „Herrscher des Kiezes“, andere würden schlicht „Clans“ sagen. Und der Rollberg war eine ihrer Bastionen in Neukölln. Sowohl Heinemann als auch Herzfeldt erinnern sich an heutige Größen der Szene, wie diese als Kinder und Jugendliche im Kiez unterwegs waren. Die Jüngeren organisierten sich in Straßengangs, die Älteren fuhren mit ihren BMWs vor. „Das Problem war, dass die Kriminalität attraktiver war, als sich in der Schule anzustrengen“, sagt Heinemann. Sie kann entsetzliche Geschichten erzählen, die sie über die Jahre im Mädchentreff erlebt hat: Von einem Mädchen, das barfuß im Schnee zu ihr gekommen sei. Von drogenabhängigen Eltern, die ihre Kinder für ein bisschen Geld prostituierten. Oder vom Mord an einem Jugendlichen Ende der 1990er Jahre. Das habe sie fassungslos gemacht.

Dann kam die zweite Wende

„Clanmitglieder leben im Rollbergviertel keine mehr“, sagt Peter Herzfeldt. Ob das stimmt, ist schwer zu überprüfen. Anwohner berichten Gegenteiliges. Auch die Straßengangs seien verschwunden. Er kennt beide Gesichter des Rollbergs. Der Umbruch sei Anfang der 2000er erfolgt. Damals hat die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft ,Stadt und Land’ Videokameras im Viertel installiert. Der Mädchentreff, die Jugendclubs, das arabische Kulturinstitut, der Treffpunkt für die Kiezmütter und das Jugendamt: Soziale Projekte sowie Behörden haben sich vernetzt und Informationen geteilt. Und nicht zuletzt ist da der Präventionsbeamte Herzfeldt, der mit allen im Gespräch bleiben muss.

Herzfeldt präsentiert sich als ein Mann der Ordnung. Er ist stolz darauf, was mit dem Viertel geschehen ist und wie die Ordnung in den Rollberg zurückkehren konnte. Aber Probleme gibt es nach wie vor: Seit Jahren fällt der Kiez mit einem „sehr niedrigen sozialen Status“ auf, wie es im Sozialmonitoring des Berliner Senats heißt. Arbeitslosigkeit und Kinderarmut kommen hier besonders oft vor. Die Kriminalitätsrate verharrt auf einem deutlich höheren Level als im Rest Berlins. „Wir haben sicher Probleme mit dem Alkohol, wir haben Probleme mit häuslicher Gewalt, das ist leider so“, sagt Herzfeldt. „Aber es hat sich zum Besseren gewandelt, ne?“

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